Lisa und das Christkind

Lisa durfte in diesem Jahr zum ersten Mal allein mit ihrem Großvater den Christkindleinsmarkt in der großen Stadt besuchen. Lisa wohnte in einem Dorf, in dem es keinen – und schon gar keinen so großen Christkindleinsmarkt gab, wie in der Stadt. Deshalb mussten die beiden mit dem Zug fahren und das machte die Sache noch spannender. Seit Tagen fieberte Lisa diesem Ereignis entgegen und konnte es kaum mehr erwarten, bis der schöne Tag anbrechen würde. Abends stellte sie sich die vielen Buden, die bunten Lichter und die schönen Spielsachen und Leckereien vor und konnte vor Aufregung kaum einschlafen.

Endlich war es soweit. Am Nachmittag kam der Großvater zum Kaffee vorbei, und nach dem Kaffee zogen sie ihre Jacken und Mützen an. Großvater nahm Lisa an die Hand, um mit ihr zum Bahnhof zu gehen. Den Weg kannte Lisa schon, denn sie war manchmal mit der Mutter und dem kleinen Bruder Jan in die Großstadt gefahren, um Mutter bei ihren Einkäufen zu begleiten. Aber jetzt war das etwas ganz anderes!

Die Zugstrecke dauerte eine halbe Stunde, doch Lisa kam es sehr kurz vor. Großvater erzählte ihr, was sie alles ansehen würden und welche Fahrgeschäfte es auf dem Christkindleinsmarkt gab. Am Hauptbahnhof mussten die beiden noch zwei Stationen mit der U-Bahn fahren und dann noch ein Stück zu Fuß gehen. Es dämmerte bereits, als sie ausgestiegen waren, der Duft von Bratwurst und Punsch wehte sofort in ihre Nasen und die festliche Beleuchtung hing wunderschön über der Straße. Lisa musste eine halbe Minute stehen bleiben und staunen. Viele Menschen waren unterwegs. Sie trugen lange Mäntel und manche von ihnen hielten Päckchen unter dem Arm. Andere Kinder waren mit ihren Müttern unterwegs.

Großvater erzählte, dass er als Kind in jedem Jahr den Christkindleinsmarkt besucht hatte, denn er hatte damals in der großen Stadt ganz in der Nähe des Flusses, gleich neben einer steinernen Brücke gewohnt. Eine schöne Gegend sei es gewesen.

Da standen die beiden nun schon zwischen den kleinen, bunten Holzhäuschen, eines stand neben dem anderen. Lisa strahlte mit den Lichtern und Christbaumkugeln um die Wette. Lustige Drehorgelmusik und festlicher Gesang war zu hören und tausend schöne Dinge zu sehen. Großvater sagte etwas zu Lisa, aber sie hörte nicht hin. Aus jedem Häuschen leuchtete es wunderschön oder die Leute darinnen sprachen mit den Kunden und verkauften ihre Waren. Da gab es allerliebste Figuren und Englein zu sehen, in der nächsten Bude große und kleine Puppen zu kaufen, dahinter kamen Holzspielsachen, auch Nussknacker in ihren Uniform standen dort. Daran schloss sich ein Häuschen mit bunt bemalten Soldaten und Metallfiguren an, danach jede Menge Christbaumschmuck, bunte Kugeln, Lametta, allerlei Hängefiguren und Lichterketten.

Lisa und der Großvater gingen an hundert solcher Buden vorbei, eine schöner und bunter als die andere. Nach einer kurzen Pause fanden die beiden ein Holzhäuschen voll mit Engeln aus buntem Metall, von winzig kleinen bis zu ganz großen, so große wie Lisa selbst. In einem Häuschen wurden Strohsterne verkauft, in einem anderen Lebkuchen und Weihnachtsplätzchen, Eierzucker und Hutzelbrot. Dann fanden sie Musikinstrumente: Trommeln, Spieldosen, Flöten, Glockenspiele und Gitarren. Alles war so wundervoll anzusehen, dass Lisa an jedem Häuschen den Großvater drängen musste, noch etwas länger stehen zu bleiben. Puppenstuben, Kaufläden, Würfelspiele und Guckkästen, Bilderbücher, Malkästen, Wollsachen, Stickereidecken und Stoffe, sodann Zwetschgenmännchen mit bunten Kleidern. All diese Buden, außerdem Häuschen mit allerlei Esswaren wechselten sich immer wieder ab.

Als Lisa und der Großvater einmal durch den ganzen Markt gegangen waren, kamen sie am Schönen Brunnen an, den Lisa früher bereits auf dem großen Marktplatz gesehen hatte. Danach schlenderten sie lauschend und staunend zur der uralten Kirche, die am Rande des Marktplatzes stand. Dort wurden auch jede Menge riesiger Christbäume verkauft. An der Kirche angekommen, musste sich Lisa ausruhen und die beiden setzten sich auf eine Stufe vor dem Seiteneingang. Jetzt sahen sie den Christkindleinsmarkt vor sich liegen. Der Opa sagte: „Lisa, ich bin schon ganz schön erschöpft! Tun dir auch die Beine weh?“ „Ein bisschen schon“, meinte Lisa. Eigentlich war sie aber schon ziemlich müde. Aber sie hatte sich einigermaßen gemerkt, was sie sich vom Christkind wünschen würde.

Dann fiel ihr wieder das Christkind ein. „Opa“, fragte sie, „stimmt es, dass das Christkind hier einkaufen geht?“ „Ja“, sagte der Großvater, „früher hat man sich das so erzählt. Dann müsste es ja eigentlich stimmen.“ Lisa wollte sich alle Buden noch einmal ansehen, um der Mutter ganz genau Bescheid geben zu können, aber der Großvater seufzte und schnaufte und schlug vor, erst einmal ein Bratwurstbrötchen zu essen. Nicht weit entfernt sah man bereits den grau-blauen Dunst einer Bratwurstbude in den dunkelblauen Himmel aufsteigen. Und das Geklapper der Bratwustzangen mitsamt den Rufen „Frische Bratwurst“ konnten die beiden aus dem Gemurmel des Marktes heraushören.

Nach dem Genuss der unbeschreiblich leckeren Bratwurst und einem Kinderglühwein bogen die beiden in eine andere Gasse ab und der Großvater zeigte ihr endlich die große Krippe aus den Holzfiguren, so groß wie Menschen. Um die Figuren war ein Stall aus Brettern gebaut und darüber hing ein leuchtender Stern. Selbst das Jesuskind war so groß, wie Lisas Bruder Jan. Maria und Josef waren andächtig gebeugt und Marias Hände lagen auf ihrer hölzernen Brust. Um den Stall herum stand ein Holzzaun. Da wurden auch Lisa und Großvater still und andächtig und bestaunten die wundervoll geschnitzten Figuren mit ihren faltigen Umhängen und die Tiere.

Danach wollten die beiden noch eine kleine Runde durch den Christkindleinsmarkt drehen, doch als Lisa sich umsah, war der Großvater nicht mehr zu sehen. Wollte er gegenüber noch Bonbons kaufen? Oder ihr eine Überraschung besorgen? Lisa blieb erst einmal stehen, als ihr in dem Häuschen nebenan die vielen bunten Metallfiguren auffielen, die als Christbaumschmuck gedacht waren. Da war sie so begeistert, dass sie sich jede Figur genau betrachten musste. Großvater würde sie schon wieder finden, dachte sie. Langsam ging Lisa zu dem nächsten Stand, da gab es Tee und Glühwein, und am nächsten wurden Jahrmarktsüßwaren verkauft. Dahinter, ach, da glitzerten bunte Glasbonbons und Glasherzen, herrlich war das anzusehen!

Nun wurde Lisa aber doch etwas bange, denn Großvater war noch immer nicht zu sehen. Nun wurde sie so ängstlich, dass ihr ein paar Tränen die Wangen hinunter kullerten. Was sollte sie bloß tun? Sollte sie alleine zum Bahnhof gehen und den Großvater alleine hier zurücklassen? Nein! Lisa bekam immer mehr Angst und wusste doch nicht, was sie tun sollte. Sie ging ein Stück zurück, dann in eine Seitengasse, rief den Großvater immer wieder, ging wieder zurück auf die Gasse, dann ein Stück in die andere Seitengasse und wieder zurück. Doch, ach, jetzt kannte sie sich gar nicht mehr aus! „Großvater“, rief sie immer wieder. Aber alle Leute gingen nur an ihr vorbei. „Opa! Opa!“

Plötzlich stand eine alte Frau vor ihr und fragte Lisa, wohin sie sie denn bringen könne. Lisa weinte und sagte mit zittriger Stimme: „Zur Krippe, glaub´ ich.“ Und die alte Frau führte sie zu der großen Holzkrippe. „Wartest du hier auf deinen Opa?“, fragte sie. „Ja, ich glaub schon“, jammerte Lisa. Die alte Frau verabschiedete sich. Lisa dachte: „Liebes Christkind, bitte sag mir, wo der Opa ist! Bitte hilf mir, bitte!“ Sie sah es mit flehenden Augen an. „Was, wenn ich meinen Großvater nicht mehr finde? Dann bleibe ich bei dir!“

Als sie eine Weile dort stand und die Menschen um sie herum gingen, überkam sie auf einmal eine große Müdigkeit. Besonders, wenn sie auf das Stroh in der Krippe sah, wollte sich Lisa am liebsten sofort hinlegen. In einem unbeobachteten Moment kletterte Lisa mit ein bisschen Mühe über den Zaun, bestieg vorsichtig die Krippe, nahm das Jesuskind in den Arm und zog die Beine an den Bauch, so dass die Beine aus der Krippe nicht heraushingen. Dann legte sie das Jesuskind auf sich drauf. Das Stroh kratzte ein wenig, aber jetzt durfte sich Lisa nicht bewegen! Als sie gerade eingenickt war, bemerkten die Leute, dass mit der Krippe etwas nicht stimmte. Sie fragen sich, ob die Kleidung, die aus der Krippe heraus hing, echt war, wo doch sonst nie ein Kleidungsstück in der Krippe lag. Immer mehr Menschen blickten auf die Krippe und die seltsamen Kleidung darin.

Auch der Großvater, der Lisa überall gesucht hatte, bemerkte, dass vor dem Stall auffällig viele Leute standen, näherte sich, blickte über die Schultern der Menschen und starrte auf die Krippe. Da erkannte er, dass es Lisas Jacke war, die da aus der Krippe herauslugte! Großvater war überglücklich. Schnell drückte er sich durch die Menschenmenge hindurch und stieg behände über den Zaun. Als er sich über die Krippe beugte, erkannte er Lisa, legte das Jesuskind auf den Boden und hob die schlafende Lisa aus der Krippe heraus. Er drückte sie an sich, schaffte es gerade noch, das Jesuskind wieder halbwegs ordentlich in die Krippe zu legen und stieg mit Lisa im Arm wieder über den Zaun. Da wachte Lisa auf, rieb sich die Augen und rief: „Opa, Opa! Das Christkind hat uns geholfen!“ „Ja, stimmt genau“, murmelte der Großvater erleichtert.

Überglücklich und mit fest gedrückten Händen gingen die beiden ein letztes Mal über den Christkindleinsmarkt, strebten dann die U-Bahn an und stiegen in den Zug um. In der Bahn besprachen sie zwar, wie es hat geschehen können, dass sie sich verloren hatten, aber sie konnten es nicht mehr herausfinden. Zu Hause angekommen erzählten die beiden natürlich, was sie alles erlebt hatten. Mutter war sehr erleichtert, das könnt ihr euch sicher denken. Und Lisa wünschte sich vom Christkind eine Jesusfigur aus Holz, genauso, wie das Jesuskind in der großen Krippe.

Copyright: Birgit Heid     (www.birgit-heid.de)

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Ich bewege mich im Bermuda-Dreieck von Gefühlen-Gedanken-Gedichten/Geschichten. Manchmal verschlingt es mich.
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